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Neot Kedumim
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Biblischer Landschaftspark Neot Kedumim Israel

Frankfurter Allgemeinde Zeitung Ostern 2008

Israel, Im Garten der Bibel, Von Thorben Leo

19. März 2008 Schüsse zerreißen das Idyll. Vögel schimpfen und flüchten von Ästen eines Ölbaumes. Dann knallt wieder eine Salve durch die Luft, dieses Mal gleich aus mehreren Waffen. Jetzt antworten ein paar Esel herzzerreißend mit lautstarkem Echo, so als wollten sie für alle Tiere und Pflanzen stellvertretend sagen: "Verschwindet mit dem scheußlichen Lärm, wir waren zuerst hier." Doch die unfriedliche Geräuschkulisse im Bibelpark Neot Kedumim, was auf Hebräisch "schöne Vergangenheit" bedeutet, gehört nun einmal zur Wirklichkeit Israels - bei allem Respekt vor den hundertzwanzig altehrwürdigen Sträuchern und Bäumen des Parks, die es hier schon zu biblischen Zeiten gegeben haben soll.

"Wir liegen neben einem Übungsgelände der israelischen Armee", sagt Zacharia Ben Moshe mit gutmütigem Blick, "und wir haben uns längst daran gewöhnt. Außerdem packen die Jungs auch mal an, wenn schwere Materialien oder Rohstoffe geliefert werden." Die letzten Sonnenstrahlen tauchen den Arbeitsplatz des Schriftgelehrten an einem Holztisch mitten im Garten in warmes Licht. Behutsam tunkt er eine Feder in ein Tintenfässchen und schreibt akribisch hebräische Buchstaben nieder. Den Besuchern erklärt Moshe Tag für Tag mit geduldiger Stimme, aus welchen Hölzern die Tinktur besteht und wie er sich die Schreibfedern selbst anfertigt. Er erzählt äußerst gewissenhaft von den unterschiedlichen Sprachen für Gebete und Regeln beim Abschreiben einer Torarolle. Er sagt: "Nur ein Fehler, und ich muss neu beginnen."

Der Staatspräsident greift ein

Um den Park mit den vielen hierher gebrachten Pflanzen besser zu verstehen, sei eine Auseinandersetzung mit den alten Schriften notwendig. "Deshalb berichte ich an diesem Ort über unsere Religion. Pflanzen ziehen sich wie ein roter Faden durch die heiligen Schriften, das beginnt ja schon in der Schöpfungsgeschichte", sagt Moshe. Als ob er die kurze Zeit des Trocknens der frisch geschriebenen Buchstaben rasch nutzen wolle, transformiert er die Striche und Kreise mit seiner geheimnisvoll klingenden Stimme in Melodien. Vorbeilaufende Jogger stören ihn dabei wenig. Auch daran ist er gewöhnt. Die Soldaten vom benachbarten Gelände dehnen ihre Trainingszone gerne in die hügelige Bibellandschaft aus, deren äußerst anspruchsvolle Steigungen und Gefälle eine Herausforderung für jeden Sportler sind.

Der zweihundertfünfzig Hektar große Neot Kedumim ist der einzige Park, der sich mit der historischen Fauna und Flora Israels beschäftigt. Gerade einmal zwanzig Minuten mit dem Auto vom Flughafen Ben Gurion entfernt, liegt er zwischen Tel Aviv mit seinem hippen Nachtleben und dem geschichtsträchtigen Jerusalem und lockt mit einer Reise in die Vergangenheit, aber auch in die Gegenwart des Landes Israel. Sein Gründer und Erbauer Nogah Hareuveni starb im vorigen Jahr im Alter von vierundachtzig Jahren. Die Idee, eine Landschaft mit Pflanzen aus der Bibel im Heiligen Land zu gestalten, hatten freilich schon seine Eltern, die 1906 aus der Ukraine ins Land gekommen waren. Ihr Sohn verfolgte das Projekt hartnäckig weiter, bis der Traum Wirklichkeit wurde. Er warb im ganzen Land für den Bibelpark und erreichte schließlich Anfang der siebziger Jahre ein Treffen mit dem damaligen Staatspräsidenten Ben Gurion. Dieser überließ ihm ein Gelände im militärischen Übungsgebiet, das einfach über die Autobahn zu erreichen ist.

Essen wie vor dreitausend Jahren

Hareuveni reiste durchs Land, um Pflanzen für seine Landschaft zu finden. Auch im benachbarten Jordanien, östlich des heutigen Grenzflusses Jordan, und im nördlichen Libanon ging er auf die Suche. Die Idee sprach sich herum, immer mehr Bürger spendeten Geld und brachten geschichtsträchtiges Grünzeug in den Park. Die Menschen erkannten, wie wichtig die Mission des Nogah Hareuveni war - 1994 gewann er den "Israelpreis", die höchste Anerkennung des Landes für das Engagement zum Wohle von Staat und Gesellschaft.

Ein ausgiebiger Spaziergang, besser noch ein kompletter Tagesausflug durch den Park ist wie ein Schnellkursus in Geschichte, Erdkunde und Religion des in der Bibel so gelobten Landes. Der Weg führt vorbei an Dattel-, Feigen- und Mandelbäumen, die gleich mehrfach im Alten und Neuen Testament zitiert werden, und dann hinauf zum Schriftgelehrten Zacharia Ben Moshe auf eine Anhöhe. Dort stehen Mahlzeiten für Besucher hinter dicken Palisaden bereit, wie sie Moses vor dreitausend Jahren oder Jesus von Nazareth ein bisschen später zu sich genommen haben dürften: Fladenbrot aus Weizen, der im Park wächst; Wein von Trauben, die hier gedeihen; dazu Oliven, Datteln, Schafskäse, Öle und frisches Quellwasser aus Tonkaraffen - alles Erzeugnisse, die aus dem landwirtschaftlichen Anbau in Neot Kedumim stammen.

Das Land von Milch und Honig

"Um das Verständnis für die Texte der Bibel zu verbessern, wollen wir darstellen, wie sich das Leben damals abgespielt hat", sagt Udi Milo während des historischen Snacks. Er ist Archäologe und übt den Gegenpart zum Religionsgelehrten Zacharia Ben Moshe aus. Wann immer er durch den Park geht, in dem er seit sechzehn Jahren arbeitet, flammt Begeisterung in den Augen und der Stimme des glühenden Anhängers Nogah Hareuvenis auf. "Mit der Zeit kamen immer mehr Ideen, den Gästen die Bibelzeiten nahezubringen", sagt er beim äußerst strammen Marsch. Mittlerweile gäbe es viele Möglichkeiten für Leute, die ein bisschen mehr Zeit mitbringen. Sie können aus Getreide selbst Mehl gewinnen, um anschließend Brot zu backen, aus Trauben und Feigen des Parks Saft pressen, aus Milch Käse machen oder Gewürze per Mörser und Stößel herstellen. "Je nach Jahreszeit ist es interessant, Wurzeln und Blätter zu sammeln, sie zu kochen und anschließend zu essen", sagt Milo. Die Workshops kommen bestens an, dreißig Prozent der Besucher wollen inzwischen genauer wissen, wie und was Abraham, Isaak und all die anderen damals verzehrt haben. Hauptattraktion für die dreihunderttausend Gäste, die das gemeinnützige Unternehmen pro Jahr anzieht, sind jedoch die Pflanzen. Durch die teils geteerten, teils gepflasterten Wege streifen Touristen aus Japan mit dicken Objektiven an ihren Kameras genauso wie amerikanische Pastoren mit der aufgeschlagenen Bibel in der Hand oder deutsche Rentnerinnen in Elektrowägelchen, mal mit Führer, mal auf eigene Faust.

Udi Milo erzählt gerne und viel über den einzigen Bibelgarten Israels. "Die Pflanzen sind herrliche Metaphern, mit denen die Schriftgelehrten des Alten Testaments und auch Jesus immer wieder den Menschen die Dinge einfach erklären konnten." Stolz deutet er nach dem Erreichen eines Hügels auf ein Tal mit einem künstlich angelegten Fluss und Palmen, Olivenhainen, Granatapfel- und Dattelbäumen. "Wir haben die fruchtbare Gegend, wie es im fünften Buch Mose beschrieben ist, versucht darzustellen." Damals sendete der Israelitenführer nach vierzig Jahren des Umherirrens durch die Wüste Boten in das Land Kanaan. Sie sollten das von Gott versprochene Land, in dem Milch und Honig fließt, das heutige Israel, erkundschaften.

Woraus war Jesu Dornenkrone?

So inbrünstig und überzeugt Udi Milo vom Sinn und der Schönheit seiner Arbeit ist, so sehr weiß er um den Mangel an eindeutigen Beweisen. "Der Konjunktiv wächst hier immer mit", sagt der Wissenschaftler lachend. Hier könnte es gewesen sein. So hat es vielleicht damals ausgesehen. "Vieles sind Mutmaßungen, die wir zusammen mit Landwirten, Archäologen, Bibelwissenschaftlern und Rabbinern diskutieren." Tatsache aber sei, so Milo, dass die Flora Israels sich in den vergangenen Jahrtausenden nicht wesentlich verändert habe. "Viele Pflanzen von damals wachsen auch noch heute." Von den Ölbäumen im Jerusalemer Garten Gethsemane, in dem Jesus von den Römern am Gründonnerstag verhaftet wurde, wird gerne behauptet, sie hätten schon zu Zeiten Christi dort gestanden. Udi Milo schüttelt bedächtig den Kopf: "Sehr oft ist hier in Israel auch der Wunsch der Vater des Gedankens."

Die eigentliche Herausforderung sei es, die genauen Bezeichnungen aus den drei Sprachen Hebräisch, Aramäisch, Griechisch herauszufinden. Udi Milo deutet auf zwei unauffällige, kleingewachsene Dornenhecken und fragt in die Luft: Um welche Pflanze handelt es sich bei jener, die im Neuen Testament in Matthäus 27, Vers 29 beschrieben ist? Dort steht: "Und dann flochten sie einen Kranz aus Dornen und setzten ihn Jesus auf." Bibelwissenschaftler glauben, dass die Dornenkrone aus Ziziphus lotus gemacht worden sei, dem sogenannten Judendorn, weil dieser im ganzen Land wachse. "Wir glauben jedoch, dass es Ziziphus spina war, da in den Höhen von Jerusalem dieser Dorn wächst", sagt Milo. Zur Sicherheit habe man, um niemanden zu verärgern, beide Sorten im Park.

Es war der Maulbeerfeigenbaum

Meistens müsse man die Bibel sowieso zwischen den Zeilen lesen, das gelte für Theologen und Botaniker gleichermaßen. Der Gartenexperte nennt ein gern erzähltes Beispiel: Als Jesus in Jericho, unweit von Jerusalem, unterwegs war, entdeckte er auf einem Baum den Zöllner Zachäus, der aufgrund seiner geringen Körpergröße dort hinaufgestiegen war. Er wollte Jesus besser sehen. "Es war ein Maulbeerfeigenbaum, denn er ist für kleine Menschen mit seinen früh am Stamm beginnenden Ästen ideal zum Klettern. Es ist der einzige Baum in Israel, der zu dieser Geschichte passt. Also ist er es auch." Milo deutet auf eine Gruppe aufblühender Bäume mit kleinem dicken Stamm auf der anderen Seite des Tals. "Da kommt doch jeder hoch, oder nicht?"

Mehr als vierzig Mitarbeiter verlassen am Abend neben dem Schriftgelehrten Zacharia Ben Moshe und dem archäologischen Führer Udi Milo das botanische Retortenparadies. Sie machen sich auf den Nachhauseweg, zurück in die Gegenwart. Am Horizont, ein paar Meter hinter dem militärischen Übungsplatz, knipsen die Bewohner in den Häusern des palästinensischen Dorf Budrus Lichter an. Dazwischen zerteilt ein hoher Grenzzaun das friedliche Bild mit dem schlummernden Bibelpark Neot Kedumim, diesem Garten zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der so tief verwurzelt ist in der Geschichte Israels.

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